Im neuen Jahr wird die Europäische Union über eine neue Verordnung verhandeln. Die EU-Agrarminister haben sich auf ein Vorgehen geeinigt. Kleine Anbieter von Saatgut werden gegenüber Großkonzernen massiv benachteiligt.
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Wie nennt man das, wenn jemand sagt, dass er eine Sache macht – aber tatsächlich macht er dann das genaue Gegenteil? Bitte, merken Sie sich die Frage. Wir kommen gleich darauf zurück.
„Verordnung über die Erzeugung und das Inverkehrbringen von Pflanzenvermehrungsmaterial“. Das klingt kompliziert und ist es auch. Die Verhandlungen zwischen dem EU-Parlament, dem Europäischen Rat und der EU-Kommission über dieses neue Regelwerk starten im kommenden Jahr. „Trilog“ nennt man das im EU-Sprech, weil drei Institutionen daran beteiligt sind.
Erklärtes Hauptziel der neuen Verordnung ist die Förderung der Agrobiodiversität, also der Artenvielfalt in der Landwirtschaft. Zur Erreichung all ihrer Ziele kennt die EU bekanntlich stets nur zwei Instrumente: Zentralisierung und Vereinheitlichung. Das ist hier genauso. Und wie auch anderswo nur allzu oft, so wird auch hier durch Zentralisierung und Vereinheitlichung absehbar das Gegenteil von dem erreicht, was man erreichen zu wollen behauptet.
Die Pläne bedeuten einen bürokratischen Alptraum, der von kleinen Betrieben nicht zu bewältigen ist. Viele dieser kleinen Unternehmen werden aufgeben müssen – und die landwirtschaftliche Vielfalt wird massiv abnehmen.
Saatgut als Mega-Geschäft
Alle pflanzlichen Produkte, die wir essen, wurden irgendwann vor der Ernte gesät. Das Mehl in der fertig verpackten 500-Gramm-Tüte war irgendwann einmal Saatgut. Mit Saatgut wurde allein 2024 weltweit ein Umsatz in Höhe von etwa 63 Milliarden Euro gemacht. Branchenkenner erwarten, dass sich dieser Betrag bis 2034 auf 125 Milliarden Euro etwa verdoppelt.
Weltweit werden jedes Jahr etwa 1,2 Milliarden Tonnen Mais geerntet. Es folgt Reis mit 800 Millionen Tonnen vor der häufigsten Getreidesorte, Weizen, mit 799 Millionen Tonnen. Wichtigster Produzent in Europa ist Russland mit über 90 Millionen Tonnen Weizen pro Jahr. Davon werden übrigens 75 Prozent im europäischen Teil des riesigen Landes angebaut.
Zum Vergleich: EU-Spitzenreiter Frankreich erntet 36 Millionen Tonnen Weizen jährlich. Deutschland kommt, wie die Ukraine, auf gut 21 Millionen Tonnen.
Große Sortenvielfalt – noch
Es gibt derzeit mehr als 100.000 Sorten Reis und mehrere tausend Sorten Mais. Weizen gibt es in 25 Arten und mehreren hundert gezüchteten Sorten.
Genau diese Vielfalt ist durch die neue EU-Verordnung in Gefahr.
Schon jetzt ist der internationale Saatgut-Markt de facto ein Oligopol. Die drei Großkonzerne Bayer, Corteva und Syngenta teilen 52 Prozent des Marktes untereinander auf. Allein auf Bayer entfallen dabei 23 Prozent.
Die Großen verengen den Markt zunehmend auf sogenanntes Hybridsaatgut: Das sind wenige Kreuzungen zwischen gezüchteten Inzuchtlinien. Sie liefern bis zu 30 Prozent höhere Erträge. Weil die Züchtung von Hybridsaatgut aber fast ausschließlich auf Ertrag und Krankheitsresistenz ausgerichtet ist, leiden Aroma, Geschmack, Inhaltsstoffe und Vitamine. Viele Landwirte bevorzugen deshalb Vielfalt im Saatgut. Aber sie produzieren teurer und können nicht so gleichmäßig ernten.
Der größte Nachteil von Hybridsaatgut ist: Er macht die Bauern nahezu komplett von den großen Konzernen abhängig. Denn Landwirte können Hybridsaatgut aus biologischen und technischen Gründen nicht selbst erzeugen. Also müssen sie jedes Jahr neues Saatgut kaufen – zu den hohen Preisen, die die Konzerne verlangen.
EU-Pläne bevorzugen Großkonzerne
Im November 2025 haben Landwirte, Züchter und Umweltorganisationen gegen die neue Verordnung protestiert. Denn die behaupte zwar, die Sortenvielfalt zu stärken – bewirke in Wahrheit aber genau das Gegenteil.
Die EU will den kleinen Züchtern nämlich Arbeits- und Tauschverbote auferlegen. Dieser „bürokratische Albtraum“ werde die Sortenvielfalt massiv einschränken, warnt die NGO „Arche Noah“. Auch die Vermarktung neu entwickelter, vielfältiger Getreide- und Ölpflanzensorten werde massiv behindert.
Vor allem kleine Betriebe setzen oft auf alte, samenfeste Sorten und bieten viel mehr verschiedene Saatgutsorten an als die Konzerne. Doch die EU will die kleinen Betriebe nicht etwa schützen – im Gegenteil: Sie sollen dieselben bürokratischen Auflagen erfüllen wie weltweit agierende Großunternehmen.
Und das sind EU-typisch sehr, sehr viele.
Durch die neue Verordnung würden regionale Betriebe, die anpassungsfähiges Saatgut von Spezialkulturen anbieten oder entwickeln, praktisch vom Markt ausgeschlossen. Im Ergebnis würden die betroffenen Bauern von der Saatgutindustrie komplett abhängig.
„Die Position der Landwirtschaftsminister gefährdet jene, die die landwirtschaftliche Vielfalt am Leben halten“, warnt die NGO – und ruft dazu auf, „Vielfalt und Geschmack auf dem Teller zu schützen“.
Wie nennt man das, wenn jemand sagt, dass er eine Sache macht – aber tatsächlich macht er dann das genaue Gegenteil? Richtig, man nennt es: EU.

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Der Kampf der EU gegen den Kleinbauern ist ja nichts neues . Die Konzentration auf nur wenige Saatgut-Riesen vereinfacht zudem die zentrale Preisabsprache und Bestellung via SMS . Und wie wir wissen , ist die EU klebrig wie Morgentau .
EU wirft Saatgut-Bauern den Großkonzernen zum Fraß vor….ist das jetzt sozialismus oder kapitalismus? Ähnliches haben und erleben wir ja auch bei anderen dingen wo via lobbyismus die kleinen zu gunsten weniger großer platt gemacht werden. Ein erheblicher anteil der bürokratie (gesetze, regeln, vorschriften usw) basieren auf puren lobbyismus zum eigenen vorteil. Wäre ich zb immobilienlobbyist in deutschland würde ich für hohe auflagen beim neubau sein damit wenig gebaut wird. Erstens würde das die mieten drücken/stillstehen lassen/nicht steigen lassen und zweitens würden meine immobilien weniger wert – darum wäre wenig bauen zu meinem vorteil. Mal angenommen ich hätte 100.000 wohungen und… Mehr
Das ist nichts anderes, als das weitere Aufteilen der Torte.
Und die Trottel, die die Torte bezahlt haben, bekommen nichts davon ab. Selber schuld, wenn die sich nicht wehren!
sie können das auf jeden beliebigen wirtschaftszweig anwenden, und es wird auf jeden angewendet: auf elektronische produkte (emv, maschinenbaurichtlinie), auf motorradhelme (nur noch die hersteller selbst dürfen sie mit mikrofon und lautsprechern ausrüsten), auf alles, was sie sich denken können.
Das passt doch perfekt in die Agenda der EU als verlängertem Arm der US-Hochfinanz:
Europäischen Mittelstand plattmachen und das Geschäft den US-Konzernen übertragen. Energie, Pharma, Lebensmittel….
Das Programm läuft auf allen Ebenen in allen Wirtschaftssektoren.
Die Frage ist doch, warum mischt sich die nicht legitimierte EU überhaupt in die Landwirtschaftlichen Prozesse regulierend, subventionierend, schädlich umverteilend und alles fragilisierend ein – Bedienung der Delegierenden (Auftraggeber), im Orwellsprech Lobbyisten, nur dazu ist die EU gebaut, Schaffung eines gemeinsamen Marktes für die Lobbyisten nicht für die Bürger. Letzteres wird nur vorgetäuscht, oder?
Das ist eine gute Frage.
Man könnte sie auch stellen bei der EU-Einmischung in alle anderen Wirtschaftsbereiche.
Man könnte auch fragen, wozu die EU überhaupt legitimiert ist und von wem.
Man könnte aber auch aus der EUdssR austreten. Und das wäre wohl das Beste.
Ich werde den Eindruck nicht los, dass unsere Altparteien, allen voran die Grünen, Landwirtschaft und Landwirte hassen. Die Biobauern werden gerade noch so geduldet, aber alle anderen sollen weg.
Wo das Essen dann herkommen soll? Wohl aus dem Bio-Supermarkt.
Wenn ich die Zahlen richtig gespeichert habe, halten >40% der Bevölkerung die Grünen für besonders kompetent in der Landwirtschaft.
Vermutlich, weil sie gesehen haben, welches Gemüse der Cem auf seinem Balkon anbaut.
Ein Patent wird grundsätzlich nur auf technische Erfindungen erteilt; Pflanzensorten können dagegen beispielsweise in Deutschland beim Bundessortenamt Sortenschutz erlangen; ein dem Patent vergleichbares Ausschließlichkeitsrecht, was das geistige Eigentum an Pflanzenzüchtungen schützt. Eine Pflanzensorte ist danach schutzfähig, wenn sie unterscheidbar, homogen, beständig und neu ist und durch eine eintragbare Sortenbezeichnung bezeichnet ist. Obwohl Pflanzensorten vom Patentschutz ausgenommen sind, aber dank technischer Innovationen in der Pflanzenzüchtung, insbesondere durch Gentechnik, aufweisen können, dürfen sie trotzdem patentiert sein, was sie mit dem Sortenschutz in Konflikt geraten lässt. Der Patentanspruch resultiert dabei als Unteranspruch des zugrundeliegenden gentechnischen Verfahrens. Weshalb durch die neue Verordnung regionale Betriebe,… Mehr
Und immer wieder die Frage danach, welche Parteien denn so gewählt werden? Mir ist es dabei übrigens vollkommen egal, was Franzosen, oder Italiener wählen. Aber hier im Siedlungsgebiet wäre eine komplette Kehrtwende existenziell! Also: je Dexit, desto bester!
Das mag hier „neu“ sein, verdeckt ist es das aber schon lange üblich. … In den USA ist das seit X Jahren so geregelt und mit allen gesetzlichen Regeln für die Konzerne abgesichert. Die Saatgut-Konzerne haben ihr genetisch manipuliertes Material so an den Markt gebracht, dass praktisch jeder Farmer/Landwirt gezwungen wird, dessen Scheisse zu kaufen und nur das zu verwenden. Selbstverständlich mit allen Zusatzleistungen wie Spezialdünger, Pestiziden/Fungiziden, etc. als Zusatz, die nur bei den Konzernen gekauft werden können. Die Kosten sind dann erheblich höher exorbitant, wie jeder sich denken kann. Und als Perversion oben drauf, ist der Ertrag geringer, als… Mehr
Es sind dieselben NGOs, die Verbote von wichtigen Herbiziden fordern und bekommen, wodurch eine konkurrenzfähige Produktion am Weltmarkt mit klassischen Sorten praktisch unmöglich wird. Solche Nachteile werden dann durch industrielle Maßstäbe im Anbau kompensiert. Sowas kommt von Sowas.
Ich gehe davon aus, dass die EU mit den Kriegskrediten für die „Ukra-ukra-iiiine“ den Bogen endgültig überspannt hat und in wenigen Jahren zerfallen wird. Der Vielfalt und der Resilienz zum Nutzen.
Ich gehe zwar aufgrund meiner Lebenserfahrung und Kenntnis meiner Mitwahlberechtigten nicht davon aus, hoffe auf den Zerfall aber inständig.
Man sollte sich aber nicht auf Hoffnung verlassen
Auch der wünschenswerte Zerfall der EUdssR löst das Problem leider nicht. Der ganze EU-Irrsinn wird ja in nationales Recht umgesetzt – sonst funktionierts ja nicht.
Das heißt: Jede einzelne Vorschrifft muß gestrichen/geändert werden. Das ist ein Job für Herrn Sisyphos.